Von der Angst, die Angst zu entdecken

Artikel für NWZ am 1.2.2017

Von der Angst, die Angst zu entdecken
Wie die Angst ihren Platz im Leben verliert und nur noch ein Schattendasein führt

Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist „Angst“.

Und hier ist meine kleine Geschichte:

Eigentlich kann ich ganz nützlich und umgänglich sein aber manchmal bin ich auch anders, so wie in diesem Winter, als ich mich mal wieder so richtig bei dem kleinen Maik und seiner Familie aufgeplustert habe. Das kann ich gut, mich größer und wichtiger machen als ich bin und oft dazwischen reden, vor allem bei den Erwachsenen. Bei denen brauche ich nur lauter werden, dann tun sie meistens was ich will. Und ich will immer etwas, das ist schließlich mein Dasein. Den Vater von Maik habe ich gut in meiner Spur, dem sage ich seit Jahren, dass er mehr leisten muss, weil er sonst alles verlieren wird. Und dass er auf mich hört sehe ich, er zieht die Arbeit und die Verpflichtungen nur so an sich und schläft kaum noch. Für mich die Gelegenheit, der Mutter von Maik penetrant zu folgen. Attraktivität lässt grüßen. Ja, und nachts tobe ich gerne in den Kinderzimmern herum. Ich bewege mich tanzend als düstere Monstergestalt, so wie Maik sie am meisten fürchtet. Bei seiner kleinen Schwester ist es für mich noch einfacher, da lege ich mich nur in Gestalt einer Spinne auf die Bettdecke und werde mit einem lauten Aufschrei begrüßt. Eines Nachts allerdings hatte Maik so viel Mut, dass er sich traute, das Licht anzumachen. Oft rief er in den Nächten meines Besuches nach seiner Mutter, die ihn zusammen gekauert unter der Decke fand. Beruhigende Worte und in ihrem Arm wieder einschlafen, ja, das brauchte Maik dann. Viele Jahre, bis zu jener Nacht in der er anders aufwachte. Er weinte nicht, er zitterte nicht, er rief nicht nach seiner Mutter,  sondern stand entschlossen auf und schaute sich um, sogar hinter der Gardine, doch er fand mich nicht – ich war weg. Auf einmal war ich der Kleine und Maik der Große. Maik stand im Licht und ich im Dunkeln…draußen vor der Tür. Es ist immer das Gleiche. Wenn ich in den Kinderstuben Futter aufspüre, niste ich mich ein und wachse an meiner Nahrung. Ich werde größer, stärker, lauter und bekomme Macht.

Ich suche weiter, ich komme wieder, ich gebe nicht auf!

So hat jede Angst ihre Geschichte, jeder Mensch seine abgespeicherten Erlebnisse.

Die Überwindung, sich jemandem anzuvertrauen

Angst blockiert, sie ist ein Impuls sich klein zu machen. Eine seelische Reaktion auf eine Situation, der man sich nicht gewachsen fühlt. Als Kleine(r) verstecke ich mich lieber und rücke in den Schatten – denn – den Platz im Licht hat bereits die Angst eingenommen. Mit ihrer stetig gewachsenen Präsenz ist sie in der Lage das Leben zu überschatten.    Mal mehr, mal weniger.

Oftmals haben Männer Schwierigkeiten, sich den Themen zu nähern und sich aus ihrer erworbenen emotionalen Isolation zu lösen. Ob aus Scham oder Verunsicherung, jeder hat gute Gründe sich (noch) nicht in seiner Männlichkeit anzuvertrauen. Viele wissen nicht, wann und wo sie darüber sprechen können. Bei Frauen kommt es des Öfteren zu einer Überlagerung ihrer vorherrschenden Ängste. Resultierend aus einem Spagat zwischen Familie und Beruf, vielleicht noch alleinerziehend, und nicht zu vergessen in ihrer Weiblichkeit, in der sie teilweise perfektionistisch dem „Konkurrenzdruck“ standhalten möchten.

Zu Zeiten der Bräuche und Traditionen, der intakten Familiensysteme, fand der Einzelne Halt und Sicherheit in seiner Gemeinschaft. Es scheint, als wäre dies in unserer modernen Kultur mit ihren neu definierten Wertvorstellungen kaum mehr möglich. Den Mut und Raum zu finden um die versteckten oder offenen Ängste anzuschauen, Emotionen, statt sie zu verbannen wieder zuzulassen, erfordert ebenso Mut, wie die Erkenntnis, unterscheiden zu können, wann die Angst hilfreich zur Seite steht und wann sie in die Krise führt.

Der Weg aus der Angst

Als Notwendigkeit, bestimmte Dinge nicht zu tun, ist sie ein angeborener Schutz, denn sie bewahrt uns intuitiv vor realer Gefahr. Unnötige Angst erzeugt aber auch Spannungen und Druck. Seelische Widerstände können sich in körperlichen Symptomen wie z. B. Spannungszuständen, Bluthochdruck aber auch Herz- Kreislauferkrankungen zeigen. Ein permanentes inneres Getrieben sein mündet sichtbar im Außen nicht immer nur in einer vorübergehenden Antriebslosigkeit. Die andauernde Überforderung führt so manches Mal altersunabhängig auch weiter in eine Depression. Die Psychotherapie oder auch eine psychologische Beratung können hier eine unterstützende und begleitende Maßnahme, mit individuellen lösungsorientierten Ansätzen sein. In einem geschützten Rahmen bieten Einzelgespräche dem Patienten die Möglichkeit, seine Themen aufzudecken.

Weder der kleine Maik noch sein Vater bekommen ihren erholsamen Schlaf. Zwar aus unterschiedlichen Erlebnisweisen, doch ursächlich gleich.

Wer seine Angst kennt, wer sein wahres Wesen (er)kennt, kann sich mit seiner ganzen Energie in seiner Einzigartigkeit und Lebendigkeit zeigen.